Wilhelmine Moik war eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der österreichischen Gewerkschaftsbewegung. Ihr bewegtes Leben ist in der Biographie von Agnes Broessler “Es hat sich alles mehr um´s Politische gehandelt. Wilhelmine Moik. Ein Leben für die gewerkschaftliche Frauenpolitik” (ÖGB-Verlag 2006) dargestellt. Was frau in dem Buch alles über Moik erfährt…
Gleich am Beginn des Buches konfrontiert Broessler die LeserInnen mit der Situation der ArbeiterInnen in den 30er Jahren. “Die Wirkungen dieser Benzoldämpfe sind furchtbare. Sie zerstören den blutbildenden Organismus, zerfressen das Knochenmark, [...] und die Arbeiterinnen haben alle so lang bluten müssen, bis im Körper kein Blut mehr vorhanden war”, zitiert die Autorin aus einer Rede eines Chemiearbeitergewerkschafters. Weil der Besitzer einer Wiener Neustädter Gummifabrik sämtliche Sicherheitsvorkehrungen missachtet hatte, starben mehrere Arbeiterinnen einen qualvollen Vergiftungstod. Andere kämpften monatelang im Spital um ihr Überleben. Zur Organisation von Hilfsmaßnahmen reisten zwei Gewerkschafterinnen nach Wiener Neustadt: Rosa Jochmann und Wilhelmine Moik.
Moik – bereits mit 18 bei der Gewerkschaft und der Partei
In einer Rückblende beschreibt Broessler die Kindheit und Jugend von Wilhelmine Moik in Wien-Ottakring. Als viertes von neun Kindern aufgewachsen, arbeitet sie schon sehr früh in der Heimwerkstätte ihrer Mutter als Näherin. Vater und Mutter engagieren sich für die Sozialdemokratische Partei und auch Wilhelmine tritt bereits mit 18 in Gewerkschaft und Partei ein. Vier Jahre später wird sie hauptamtliche Mitarbeiterin in der Gewerkschaft, im Verein der Heimarbeiter(Innen). Bei der Gründung einer eigenen Frauensektion im Bund der Freien Gewerkschaften im Jahr 1928 ist sie ebenfalls mit dabei: Geleitet wird die Frauenabteilung von Anna Boschek, Wilhelmine Moik ist ihre enge Mitarbeiterin und dürfte sich von ihrer Lehrerin einen gewissen Pragmatismus angeeignet haben. Über Boschek schreibt Broessler, “dass sie bei ihren beruflichen Aktivitäten eine Strategie der Mitte wählte und eine Zerreißprobe zwischen Gewerkschaftsinteressen und Frauenforderungen vermittelnd durchzustehen versuchte.”
Pragmatisch – und doch auf Seite der Frauen
Auch Moik war stets um Ausgleich bemüht, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, als die heimkehrenden Männer die Frauen aus dem Berufsleben zu verdrängen drohten. Moik betonte damals das Recht aller, auch der Frauen, auf Arbeit, verlangte dass beim “Abbau” der Frauen “soziale Gesichtspunkte” berücksichtigt werden müssten, setzte sich aber auch für die Rückführung der Frauen in typische Frauenberufe ein.
30er Jahre – das Ende der Freien Gewerkschaften
Nicht nur als Gewerkschafterin erlebt Moik den aufkeimenden Faschismus und die Verschärfung der politischen Lage: Ab 1932 sitzt sie auch für die sozialdemokratische Partei im Wiener Gemeinderat. Sie bekommt damit aus nächster Nähe das Aushungern des Roten Wien durch die bürgerliche Regierung und schlussendlich im Februar 1934 das Ende der Demokratie und der Freien Gewerkschaften mit.
Im Widerstand
Trotz mehrmaliger Verhaftung während des Dollfuß-Regimes engagiert sich Moik für die Revolutionären Sozialisten. Als Leiterin der Sozialistischen Arbeiterhilfe versorgt sie illegale sozialdemokratische FunktionärInnen und deren Angehörige mit Geld und Lebensmitteln. Auch die Nazis nehmen Moik wegen “illegaler Betätigung” in Haft. Bei den Verhören bring Moik ihre Gesinnungsgenossen nicht in Gefahr. “Die Beschuldigte Moik verlegt sich von Anfang an aufs Leugnen”, zitiert Broessler aus einem Vernehmungsprotokoll. Erst im Jänner 1941 wird Moik, nach einer mehrjährigen Haftstrafe ausgezehrt und entkräftet, entlassen.
Frauenarbeit im ÖGB
Nur wenige Wochen nach Gründung des ÖGB im April 1945 beginnt Moik – im Juni – mit dem Aufbau der Frauenabteilung im ÖGB. Beim ersten Frauenkongress im Jahr 1951 wird sie zur Frauenvorsitzenden gewählt; eien Funktion, die sie bis 1963 innehat. Broessler schildert die Bemühungen Moiks, Frauenstrukturen in allen Gewerkschaften und Landesorganisationen zu schaffen – auch der Widerstand männlicher Gewerkschafter gegen eigene Frauenreferate bleibt nicht unerwähnt. Der Kampf um leichteren Zugang zu Lebensmitteln für berufstätige Frauen und der Einsatz gegen die Verdrängung der Frauen aus dem Arbeitsleben standen nach Kriegsende im Mittelpunkt der gewerkschaftlichen Frauenarbeit. Ein weiterer Schwerpunkt war die Verbesserung der rechtlichen Absicherung der Hausgehilfinnen und Heimarbeiterinnen.
“Gleichtstellung geht alle an!”
Aktiv arbeitete Moik auch in der internationalen Gewerkschaftsarbeit mit, wobeii sie auch hier vehement den Aufbau von eigenen Frauenstrukturen und den Einsatz der gesamten Gewerkschaftsbewegung für die Frauen einforderte. “Glauben wir nicht, dass dies ein Frauenproblem ist; es ist ein Problem, das die Gesamtbewegung angeht”, stellte Moik zum Thema “Gleicher Lohn für Frauenarbeit” bei einem Kongress des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften in Stockholm im Jahr 1953 fest.
Für Eigenständigkeit ist nicht der Familienstand entscheidend
Als Vorsitzende der ÖGB-Frauen und SPÖ-Abgeordnete setze sich Moik zum einen für die Absicherung der Frauen in der Arbeitswelt und familienpolitische Anliegen ein. So zählte zu ihren Erfolgen in der Parlamentsarbeit das 1957 beschlossene Mutterschutzgesetz und die Einführung der bezahlten Karenz im Jahr 1960. Gleichzeitig trat Moik dafür ein, dass Frauen unabhängig von ihrem Familienstand als eigenständig anerkannt wurden. Bereits 1949 forderte sie in einem Antrag gemeinsam mit anderen Abgeordneten der SPÖ, dass unverheiratete Frauen die Bezeichnung “Frau” statt “Fräulein” führen konnten. Erst 1970 unter Bundeskanzler Kreisky wurde diese Forderung verwirklicht. Moik selbst war unverheiratet. Dass ihr für ihr Privatleben aufgrund ihrer ausfüllenden politische und gewerkschaftlichen Tätigkeit kaum Zeit blieb, verdeutlicht der Titel der Biographie von Agnes Broessler. “Es hat sich alles mehr ums Politische gehandelt!”, heißt es da.